Carola Bartsch und Xander – „Ein neuer Anfang“

  • Typ: Xander ist ein kräftig gebauter im Barock stehender Friesenhengst, charakterlich ausgeglichen und mit viel Behang
  • Ausbildung: geritten (klassische Dressur), ein- und zweispännig gefahren, Zirzensik, langer Zügel
  • Einsätze in den Shownummern:
  • Zirzensische Lektionen, große-Dressur-Quadrille, S/W-Quadrille u.v.m.

Ich möchte meine Geschichte erzählen, wie Xander und ich zueinander gefunden haben und zur Ostsee-Quadrille kamen.

Nach dem schmerzlichen Verlust meines ersten Friesenhengstes (siehe Portrait im Friesenjournal 2/2012) habe ich mich wieder auf die Suche nach einem Friesen begeben. Er sollte meinen Rinse nicht ersetzen (und könnte es auch nicht), aber für mich war immer schon klar, dass Friesenpferde – auch wenn es etwas pathetisch klingt – meine Leidenschaft sind. Nur woher nehmen?

 

Das Internet wurde bemüht, bei bekannten Friesenzüchtern und –händlern nachgefragt, aber die rechte schwarze Perle war nicht dabei. Ein gekörter Friesenhengst wurde mir vierjährig als eingeritten angeboten (natürlich mit entsprechendem Aufpreis), die Nachfrage auf dem Aufzuchthof, auf dem er stand, ergab jedoch, dass er das keinesfalls war. Nach vielen Stunden Anfahrt also wieder eine Enttäuschung. Ein mir bis dato unbekannter Händler hatte zwar gerade kein geeignetes Verkaufspferd, schlug aber vor, seine Friesen anzusehen und mein Wunschpferd zu beschreiben. Na, das klappt doch nie, dachte ich. Da ich aber in der Nähe zu tun hatte, fuhr ich hin. Wir tranken nett Kaffee, plauderten und ich zeigte Fotos meines verstorbenen Hengstes. Kurze Zeit später erreichte mich eine Mail des Händlers mit Fotos eines dreieinhalbjährigen, rohen Friesenhengstes, den er gerade aus den Niederlanden geholt hatte. Mein Herz schlug schon etwas schneller, als ich die Fotos sah. Aber einen nicht eingerittenen Hengst? Würde ich das schaffen?

Mein immer ruhiger und gelassener Mann sagte nur: „Da fahren wir hin und gucken ihn uns an.“ Gesagt, getan, Kinder schnell wegorganisiert und los ging es.

 

Der Händler ging mit uns zur Box, deren Tür etwas im Dunkeln lag, öffnete sie und stellte sich mit dem Rücken davor, um uns zu erzählen, wo er den Hengst gefunden hatte. Während er sprach, tauchte vorsichtig ein schwarzes Maul auf, um sanft an dem Halfter, das der Händler über der Schulter trug, zu knabbern. Damit hatte er mich schon für sich gewonnen. Ein Bild von einem im barocken Typ stehenden Friesenhengst wurde aus dem Stall geführt. Seine Hinterbeine durfte ich nicht berühren. „Fass´ mich nicht an, ich kenn´ Dich doch gar nicht“ las ich in seinen Augen. Es war deutlich zu merken, dass er in seinem Leben noch nicht viel Aufmerksamkeit von Menschen erfahren hatte. Kurzum – dieser Hengst namens Xander wurde mein!

 

Gemeinsam mit meiner Freundin folgte ein langsamer, aber wunderbarer Weg, eine Beziehung aufzubauen. Wir gingen mit ihm spazieren, vermittelten ihm die Grundlagen der Kommunikation an der Hand und longierten ihn an. Ganz im Sinne der klassischen Ausbildung gewöhnten wir ihn in vielen kleinen Schritten an den Sattel und schließlich an den Reiter, ohne dass es auch nur einmal eine kritische, unkontrollierbare Situation gegeben hätte. Mindestens eine von uns beiden war als Bezugsperson bei jeder Neuerung beruhigend an seiner Seite, so dass die Phase des Einreitens sehr harmonisch von statten ging. Und er dankt es uns bis heute, nunmehr neunjährig, mit seinem Urvertrauen in uns!

 

 

Aber bitte nicht allein…

Da Xander als Hengst sehr verträglich war und ist und den Umgang mit Seinesgleichen sucht, konnte ich andere Pferdebesitzerinnen gewinnen, ihre Wallache zu ihm zu stellen. Über kurz oder lang ergab es sich jedoch, dass die anderen Pferde aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr bei ihm auf der Koppel stehen konnten (Krankheit, Stallwechsel,…).

Bei einem Workshop sah ich die Verkaufsanzeige eines kleinen Ponyhengstes (Stockmaß 1,06 m). Der kleine Cremello stammte ursprünglich aus einem spanischen Zirkus und wurde der Besitzerin zu frech. „Der muss mal arbeiten“, sagte sie. Und so kam Imperioso in unsere Familie, um fortan Xander als Pferdefreund Gesellschaft zu leisten. Bei zwei Hengsten nicht ganz ohne, wie ich feststellen musste. Der kleine Cremello-Hengst nahm sich meinen großen friedfertigen Friesenhengst zur Brust, dass der gar nicht wusste, wie ihm geschah! Aber Xander wehrte den frechen Kerl nur ab, obwohl er ihn mit seiner Körpergröße durchaus ernsthaft verletzen könnte. Verwundert schaute er zu, wenn der Kleine mit Imponiergehabe den Weidezaun abmaß, um ungeachtet der unteren Stromlitzen durchzubrechen und die Wallachherde zu besuchen.

Mittlerweile sind sie gute Freunde geworden, auch wenn bei den Hengstspielen gelegentlich der ein oder andere eine Schramme abbekommt – und Imperioso geruht, auf der Weide zu bleiben, wenn sein Partner dort ist. Wenn wir gemeinsam wegfahren, schätzen die beiden die Zweisamkeit im Hänger sehr. Ich kann an dieser Stelle nur inbrünstig dafür sprechen, Hengste, wenn möglich, nicht in Einzelhaft zu halten. Die sozialen Kontakte sind überaus wichtig und entsprechen der Natur der Pferde, auch bei Hengsten.


Und alles im klassischen Sinne…

In unserem alltäglichen Leben wechseln sich Trainingseinheiten in der Dressur mit Ausritten, Fahrtraining, Zirzensik und der Arbeit an der Hand und am langen Zügel ab. Meine Pferde arbeite ich sehr vielfältig, um keine Langeweile aufkommen zu lassen. Stures Halle-Reiten oder Furchen in den Reitplatz ziehen entspricht weder den Wünschen der Pferde noch meinen. Dressurübungen wie z. B. Seitengänge und Anpiaffieren verlege ich gerne auch einmal ins Gelände, um die Lektionen „einzufangen“, wenn sie sich anbieten. Ich arbeite nach den klassischen Grundsätzen und gebe den Pferden Zeit, sich zu entwickeln. Dabei finde ich heraus, wo ihre Stärken liegen, um diese zu fördern. Im Verband zur Förderung der klassischen Reitlehre Deutschland e.V. bin ich Mitglied und nehme gerne an den Tagen des klassischen Reitens teil, um mich mit Gleichgesinnten auszutauschen und Trainingshinweise zu bekommen.

 

Endlich wieder Ostsee-Quadrille…

Als Xanders Ausbildungsstand den Anforderungen entsprach und er auch psychisch gefestigt schien, begannen wir das Training in der Ostsee-Quadrille sowie einen ersten kurzen Auftritt bei der Potsdamer Schlössernacht und in der Nacht der schwarzen Perlen in Neustadt/ Dosse im Märchen „Marielle und das letzte Einhorn“. Im Jahr 2015 präsentierte sich Xander bereits in drei Showbildern bei der 13. Nacht der schwarzen Perlen, unter anderem in der Schwarz-Weiß-Quadrille und der Friesen-Quadrille mit 20 (!) schwarzen Perlen. Im Unterschied zu meinem letzten Friesenhengst bereitet ihm die Enge in der Formation keine Probleme, ganz im Gegenteil. Die Nähe seiner Pferdekameraden findet er angenehm und beruhigend. Aufregend sind für ihn die Showbedingungen wie Musik, Licht und das große Publikum. Aber auch daran habe ich ihn peu-à-peu gewöhnt, immer in kleinen Schritten, damit seine Psyche keinen Schaden nimmt. Den Höhepunkt unserer Auftritte stellte die Teilnahme an den Gala-Abenden auf der Messe Pferd und Jagd in Hannover im Dezember 2015 dar. Vor ca. 4000 Zuschauern in der weihnachtlich geschmückten Halle ritten wir mit 18 Pferden die große Friesenquadrille. Ein Highlight!

 

Es bleibt also spannend, wir werden berichten…

 

Ich bin sehr froh, in Xander wieder einen so angenehmen und zuverlässigen Partner gefunden zu haben. Jede Minute mit ihm kann ich genießen. Er spendet mir Energie und erfreut mich. Vielen Dank, mein Freund!

 

Ein Bericht von Carola Bartsch